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SkF Essen e.V.

Schweres, kleines Herz: Wenn ein Geschwisterkind stirbt

Schweres, kleines Herz: Wenn ein Geschwisterkind stirbt

Ein Kind zu verlieren, ist für Familien ein hartes Schicksal. Im FILIUS-Interview spricht Redakteurin Ariela Cataloluk mit Dipl.-Sozialarbeiter und Kindertrauerbegleiter Andreas Lischka (KinderPalliativNetzwerk Essen) über die Auswirkungen auf die verbleibenden Geschwisterkinder und deren Formen der Trauer.

Wie gehen Kinder mit der Situation um, wenn ein Geschwisterkind schwer erkrankt oder verunfallt und dann stirbt?
Wenn ein Kind schwer erkrankt ist oder sogar verstirbt, ist dies ein Ereignis, welches die ganze Familie betrifft – sowohl die Eltern als auch die Geschwister und das weitere familiäre und soziale Umfeld. Alle trauern, und alle tun dies auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Hierbei ist zu beachten, dass Kinder oftmals anders trauern als Erwachsene. Reaktionen der Kinder auf eine schwere Erkrankung oder den Tod eines Geschwisterkindes sind abhängig vom jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes und den damit verbundenen Todesvorstellungen, dessen Persönlichkeit, aber auch von bislang gemachten sozialen und kulturellen Erfahrungen. Oftmals fehlen Kindern die Worte, um ihre Trauer auszudrücken. Sie zeigen diese eher im Spiel, in Aktivitäten oder veränderten Verhaltensweisen.
Viele Kinder verlieren den Spaß an Dingen, welche ihnen vorher Freude bereitet haben. Sie können Ängste entwickeln, dass andere wichtige Menschen oder sie selber ebenfalls erkranken oder versterben könnten. Manche glauben, dass sie Verursacher der Erkrankung oder des Todes sind und entwickeln Schuldgefühle.
Auch großer Zorn oder ohnmächtige Wut können eine Reaktion auf die extreme Situation sein. Bei Kindern wechseln die Gefühle schneller als bei Erwachsenen. Lachen und Weinen liegen nah beieinander. Einige Kinder fallen auf frühere Entwicklungsstufen zurück, verlernen bereits Erlerntes oder machen z.B. wieder ins Bett.
Es ist von großer Bedeutung, die Kinder gut im Blick zu haben und sich eventuell auch weitere Unterstützung zu holen. Den ebenfalls trauernden Eltern kann dies schwer fallen. Umso wichtiger ist in diesen Fällen externe Unterstützung für die jeweilige Familie.

Welche Fragen über das Leben und den Tod stellen sich die Kinder?
Die Fragen, die Kinder stellen, sind mannigfaltig und hängen von ihrem jeweiligen Entwicklungsstand ab. Kinder bis zum Alter von drei Jahren haben noch keine Todesvorstellung. In ihrem Erleben ist der Tod eine Trennung und wird als Abwesenheit erfahren. Auch wenn die Tatsache als solche nicht erfasst werden kann, haben die Kinder feine Antennen für die Veränderungen in ihrem Umfeld und können darüber sehr irritiert und verunsichert sein. Auch im Alter von drei bis fünf Jahren ist den Kindern die Bedeutung des Todes, in seiner Endgültigkeit und als alle Menschen betreffendes Ereignis, nicht bewusst. Kinder in diesem Alter sehen im Tod keine Bedrohung; sie haben einen sehr experimentellen Zugang zu ihm. Da werden gefundene tote Tiere auch schon mal sehr genau erforscht. Sie entwickeln eine große Neugier.
Mit zunehmendem Alter steigt das Wissen über das Leben und den Tod. Mehr Wissen und Lebenserfahrung führt hier aber auch zu der Entwicklung von Angst vor dem Tod: „Wenn meine Schwester sterben kann, dann kann ich ja auch sterben.“
Ab dem Alter von etwa zehn Jahren wird die eigene Sterblichkeit realisiert. Fragen nach dem Sinn des Lebens oder auch, ob und was nach dem Tod passiert, häufen sich („Wo gehe ich hin, wenn ich sterbe?“) Ab einem Alter von 13/14 Jahren ist das Todesverständnis des Kindes/Jugendlichen fast identisch mit dem der Erwachsenen.

Welche Auswirkungen ergeben sich auf den Alltag des gesunden Kindes/der gesunden Kinder?
Gesunde Geschwisterkinder erleben meist eine große Diskrepanz zwischen ihrer eigenen Bedürftigkeit angesichts der auch für sie bedrohlichen Situation und dem von ihnen erwarteten Verständnis für die vorangestellten Bedürfnisse des kranken Kindes und die Belastungen ihrer Eltern. Die Trauer der Geschwister ist oft die „vergessene“ Trauer, weil sie häufig gegenüber dem kranken Geschwisterkind am Rande stehen. Zeit- und Kraftressourcen der Eltern sind ausgeschöpft und lassen kaum Raum. An die Geschwisterkinder sind oftmals hohe Anforderungen an Anpassung, sich zurücknehmen müssen, „funktionieren“ müssen, gestellt. Sie erleben häufig unausgesprochen den Auftrag, den Eltern „nicht zur Last fallen zu dürfen“, entwickeln Schuldgefühle und fühlen sich überfordert und alleine gelassen. Verhaltensauffälligkeiten, Aggression, aber auch Rückzugstendenzen können vermehrt auftreten.

Fühlen sich lebende Kinder manchmal schuldig?
Auch dies kommt vor. Insbesondere kleinere, im mystischen Denken verhaftete Kinder stellen manchmal einen Zusammenhang mit ihrem eigenen Verhalten und der Erkrankung bzw. dem Tod des Geschwisterkindes her. „Weil ich mich mit ihm/ihr gestritten habe, ist er/sie krank geworden.“ „Hätte ich ihr/ihm doch mein Lieblingsspielzeug gegeben, dann wäre dies alles nicht passiert.“ Sehr wichtig ist hierbei, dass Erwachsene diese Tendenz bei Kindern im Blick haben und klar vermitteln, dass die Kinder nicht verantwortlich für eine Krankheit oder den Tod des Bruders oder der Schwester sind.

Wie verändert sich das Familiengefüge nach dem Tod eines Kindes?
Nicht erst der Tod eines Kindes verändert das Familiengefüge gravierend. Bereits die Diagnose einer unheilbaren, zum Tode führenden Erkrankung stellt den Lauf des Lebens „auf den Kopf“. Sie erschüttert die betroffene Familie zutiefst und bringt meist eine völlige Veränderung der bisherigen Lebenssituation mit sich. Der Alltag wird durch die akute Krankheitssituation geprägt, das bisher geführte „normale“ Leben muss umorganisiert werden und ist in Folge dessen schwer planbar. Was bisher wichtig war, rückt in den Hintergrund, wird im wahrsten Sinne des Wortes „verrückt“. Die Eltern sind in der Betreuung und Pflege des unheilbar erkrankten Kindes mit all ihren Kräften gefordert. Die ständige Sorge um ihr Kind mit allen täglichen Einbindungen und Verpflichtungen, neue Aufgaben und Anforderungen in der Pflege des kranken Kindes, das Bemühen, auch die Geschwisterkinder im Blick zu haben und ihnen gerecht zu werden sowie die Anforderungen an gegenseitige Unterstützung in der Partnerschaft sind zu viel: Eltern stoßen an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit. Familien mit chronisch kranken Kindern leben oftmals dauerhaft in einer Krisensituation, die alle Familienmitglieder, oft über Jahre hinweg, extrem fordert. Die „Unfassbarkeit“ der schweren Erkrankung und des zu erwartenden Todes des Kindes, die ständige Auseinandersetzung mit Krankheit, Sterben, Tod und Trauer können zu Überforderung und Sprachlosigkeit führen. Bisherige Gewohnheiten, bisher bewährte Verhaltensweisen, soziale Kontakte und Freundschaften bleiben davon nicht unberührt. Sie verändern sich, reißen ab.

Wie sollte bestenfalls das Umfeld (Freunde, Schule, Vereine etc.) reagieren?
Sowohl Eltern als auch Kinder beschreiben, dass es für sie besonders schlimm ist, gemieden zu werden. Auch belastet es die Familie, wenn das verstorbene Kind für das soziale Umfeld irgendwann kaum noch eine Rolle spielt. Bemerkungen von Außenstehenden, die in eine Richtung gehen wie, dass es doch „langsam mal gut sein müsste mit der Trauer“ oder „das die Zeit alle Wunden heilt“, verletzen sehr.

Welche Rolle sollte das verstorbene Kind im Familienleben spielen?
Die Familie bestimmt selbst, welche Rolle das verstorbene Kind im weiteren Familienleben spielt. Auch hier gibt es nicht den Königsweg. Während die eine Familie z.B. das Zimmer des verstorbenen Kindes über Jahre hinweg in dem Zustand belässt, wie es war, ist es für die andere Familie wichtig, den Raum schnellstmöglich zu verändern. Das verstorbene Kind gehört weiterhin zur Familie und dies ändert sich auch nie. Die Trauer und das Erinnern bleiben ein Leben lang, sie verändern sich nur.

Was bieten Sie bei Ihren Gruppentreffen für die Kinder und Jugendlichen an?
Es wird sowohl thematisch gearbeitet, in Form von Gesprächen, durch Basteln und Spielen, als auch mit gemeinsamen Aktivitäten, die Möglichkeit zum Austausch bieten. Die Gruppe trifft sich einmal im Monat in den Räumlichkeiten des KinderPalliativNetzwerkes Essen.

Wie unterscheidet sich die Trauerarbeit in Ihrer Gruppe von der zu Hause?
Die Kinder stehen mit ihrer Trauer im Mittelpunkt, können sich mit Gleichaltrigen, die ähnliche Erfahrungen machen und gemacht haben, austauschen und treffen auf Erwachsene, die nicht selbst betroffen sind, aber dennoch über weitreichende Erfahrungen mit Trauernden verfügen.

Infos zum KinderPalliativNetzwerk Essen
• Das KinderPalliativnetzwerk Essen wurde 2006 gegründet und begleitet Familien im Umkreis von 90 Kilometer rund um Essen.
• Es unterstützt Familien vom Zeitpunkt der Diagnose bis über den Tod des Kindes hinaus. Für trauernde Eltern wird eine Trauerbegleitung angeboten.
• Seit Januar 2012 besteht ein gemeinsames Kinderpalliativteam mit Kinderpalliativärzten und -pflege, einer Betreuung zu Hause und einem 24-Stunden-Rufdienst.
• Die Arbeit des KinderPalliativNetzwerkes Essen ist auf Spenden angewiesen. Beratungsarbeit wird über Spenden und Sponsoren finanziert, da die Krankenkassen diese Kosten nicht übernehmen.
Spendenkonto: SkF Essen-Mitte e.V., Stichwort KPN, Pax Bank Essen, BLZ 370 601 93, Konto 2002899011
Kontakt: Frau Bünk, Telefon 0201/27508-123 oder Herr Lischka, Telefon 0201/27508-400
KinderPalliativNetzwerk@skf-essen.de

Quelle: FILIUS-Magazin, Ausgabe April/Mai 2015, www.filius-magazin.de

 

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